Walter Melcher | STALLWERCK [DE-AT]
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Stallwerck™
Ein Dossier von
Walter Melcher


E lucevan le stelle... e olezzava la terra... stridea l'uscio dell'orto e un passo sfiorava la rena... entrava ella, fragante, mi cadea fra le braccia... Oh, dolci baci, o languide carezze, mentr'io fremente le belle forme disciogliea dai veli! Svanì per sempre il sogno mio d'amore... L'ora è fuggita e muoio disperato, e muoio disperato! E non ho amato mai tanto la vita... Tanto la vita!

Es leuchteten die Sterne... Ein guter Geruch stieg von der Erde auf... Das Gartentor knarrte, Schritte im Sand... Wie eine Blume duftend, trat sie ein, Und schon lag sie in meinen Armen... O süße Küsse, zärtliche Umarmungen, Unter denen ich zitternd Ihre Schönheit entschleierte! Dieser Liebestraum ist für immer vergangen... Vorbei sind jene Stunden, und ich sterbe in Verzweiflung! Ich sterbe in Verzweiflung! Und doch hab' ich nie das Leben so geliebt Das Leben so geliebt!



audio source: Collection of Norman Bruderhofer / www.cylinder.de






Das letzte Abendmahl oder die kleinen Freuden des Wanderers, 230 x 220 cm,
Acryl und Öl auf Leinwand, 2012



Intro

Mit dem Malen ist es wie mit dem Wandern:
Jeder hinterlässt Spuren auf seinem Weg durch die Zeit. Und mit der Zeit wird die Spur immer länger. Manchmal wechselt sie die Richtung. Ein anderes Mal führt sie zu Kreuzungen, an denen man sich überlegen kann, ob es besser ist, querfeldein weiter zu machen oder die asphaltierten Hauptkorridore zu benutzen, um Ziele schnell und ohne Umwege zu erreichen.
Entschließt man sich abseits der vorgegebenen Straßen fortzubewegen, dann kann Wandern eine Antwort auf die Frage nach dem Zweck eines oft unbekannten Zieles sein.
Nicht wenige verzichten auf ein beschleunigtes Weiterkommen, in der Absicht, sorgfältig ihren Weg zu suchen und diesen alleine zu gehen.
Hat man sich dafür entschieden, empfiehlt es sich seine Werke wie kleine Schutzhütten entlang der Strecke aufzustellen, in denen man Hilfe anbietet. Personen, die Spuren aus Neugierde folgen, haben so die Möglichkeit, sich zu orientieren und gegebenfalls ihre Position zu überprüfen.
Lassen sie mich ihr Begleiter sein. Ich möchte gerne einen Einblick in die verschiedenen Richtungen und Verzweigungen meines bisherigen Weges geben.




Haben Sie sich jemals vorgestellt, wie eine Sternschnuppe auf einen Wanderer trifft? Nein?
Was für ein Knall! Und was für ein unvorstellbares Chaos nach dem Einschlag!
Seien sie nicht zu sehr davon überzeugt, daß das niemals passieren kann.
Die Quantenmechanik behauptet, dass dieser Fall sicher eintreten kann. Man muß nur lange genug auf der Wanderschaft sein. Wanderer sollten sich darauf einstellen und sich in Zukunft vor herabfallenden Sternen in Acht nehmen.

(STALLWERCK 12. August 2017, die Nacht der Perseiden)




Gemma Meteor schau'n!, 230 x 220 cm,
Acryl  und Öl auf Leinwand, 2012


Perseus' Nacht oder Die Einschulung, 230 x 220 cm,
Acryl  und Öl auf Leinwand, 2012








... alles fließt
       Foto: Ilse Neugebauer / 2017

" Πάντα χωρεῖ καὶ οὐδὲν μένει"
"Alles bewegt sich fort und nichts bleibt."
(Platon)

"Wer in denselben Fluss steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu."
"Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht."
"Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen."

(Heraklit/Fragmente)

"Es war in einem Sommer meiner Kindheit. Es war heiß und ich stand am Ufer eines Flusses. Ich stieg in den Fluss und der Feuersalamander meiner Gedanken nahen Regungen rief mir hinter her: "Lerne zu Schwimmen! Das Wasser ist tief und der Strom wird dich fort reißen". Ich entfernte mich nicht weit vom Ufer. Ich blieb am Rand des Flusses. Nicht weil ich die Gefahr erkannte. Mir genügte fürs erste der Versuch, das glitzernde Licht auf der Wasseroberfläche mit meinen ungeübten Händen einzufangen.

Und das Licht tanzte und tanzte und der Fluss brachte mir Licht in endlosen Schleifen dar. Ich kehrte an die Ufer zurück und studierte die Theorie der Flüsse ohne jemals wieder mit dem Wasser des Flusses meiner Kindheit in Berührung gekommen zu sein. Die Gelehrten kennen die Sprache der Salamander nicht." (STALLWERCK im Dezember 2016)

WERKGRUPPE : Hirschmänner

Der Fisolensucher oder: Acteon und Diana
- ein tragischer Jagdunfall, oder nur dumm gelaufen?

'nunc tibi me posito visam velamine narres,
si poteris narrare, licet!' nec plura minata
dat sparso capiti vivacis cornua cervi,
dat spatium collo summasque cacuminat aures
cum pedibusque manus, cum longis bracchia mutat
cruribus et velat maculoso vellere corpus;
additus et pavor est: fugit Autonoeius heros
et se tam celerem cursu miratur in ipso.

'Jetzt kannst du ruhig erzählen, dass du mich nackt gesehen hast, falls du dazu noch jemals in der Lage sein solltest!' Mehr drohte sie ihm nicht, und sie verteilte auf seinem Haupt die Hörner des lebhaften Hirsches, verlängerte seinen Hals, spitzte oben seine Ohren zu, tauschte Hände mit Füßen, Arme mit langen Beinen und verhüllte seinen Körper mit einem fleckigen Fell; und sie lehrte ihm das Fürchten: Und so floh Autonoes' Held fort und wunderte sich selber über den so schnellen Lauf."

Ovid:"Metamorphosen"

 

Warum interessiert mich heute, nach über zwei tausend Jahren, diese merkwürdige Begebenheit in einem - glaubt man den alten Mythen - geheimnisvollen Wald, mitten im antiken Böotien?

dieser Spur folgen   (Beitrag ausständig)



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Werkgruppe: Grafikeditionen

Grafikedition 2018

"Ein Frosch und ein Huhn am Meer... und andere seltsame Betrachtungen"


"Ein Frosch und ein Huhn am Meer ... und andere seltsame Betrachtungen"
9 Radierungen in Lederkassette, gezeichnet und gedruckt von Walter Melcher
Überblick Grafik Edition 2018
Wollerau / Schweiz



EIN FROSCH UND EIN HUHN AM MEER

Eines Tages begegneten sich ein Frosch und ein Huhn am Meer. Der Frosch hielt sich für einen großen Künstler. Er war auch tatsächlich ein sehr nachdenkliches Tier, dessen Geist ununterbrochen über alles räsonierte, während sein breites Maul ständig quakte.
Man kann davon ausgehen, daß er nicht allzu erfolgreich dabei war, seine Ideen in die Praxis umzusetzen. Ärger noch als sein fehlendes Gespür, sich mit seinem Wissen zurück zu halten, war die Tatsache, dass er über keine "richtigen" Hände verfügte, die seine ungeordneten Gedanken erklärend zu Papier bringen konnten.
Deshalb begann er wichtigtuerisch und mächtig aufgeblasen am Sandstrand wie wild herumzuhüpfen.
Da wurde das Huhn neugierig. Richtige Hühner sind so geboren. Ihrer angeborenen Neugierde für hüpfende Frösche fügte die Natur noch jenen Streich hinzu, daß Hühner kaum eigenständigen Gedanken in halbwegs verständliche Sätze gießen können.
Trotzdem fühlte sich das Huhn wohl, gackerte vor sich hin und begann ebenfalls malerische Zeichen in den Sand zu scharren. Und so fuhren beide fort - der Frosch und das Huhn - hüpfend und scharrend Orakel dem Strand entlang in den Sand zu zeichnen.

Ja, beide, ihrem Talent und ihrem Impuls folgend, bis zu dem Tag, an dem aus dem undurchdringlichen und abgrundtiefen Meer ein gigantischer Pluto-Nautilus an den Strand gespült wurde.
Als er unsere beiden Helden sah, wie sie wichtig unverständliche Zeichen hüpfend und scharrend in den Sand setzten, begann er sogleich sehr gescheit daher zu reden.
Viel zu reden, möglichst unverständlich, das war seine Spezialität. Dies machte ihn unvorstellbar reich. Seine Erfindung der "Schrott-Reden" wurde bald allgemein als fundamentale Errungenschaft modernen Lebens anerkannt. Er wurde bei Manager-Workshops als Vortragender herumgereicht und erlangte als Berater hoffnungsvollen Politikernachwuchses mediale Berühmtheit.

" Ich kann euch auch reich machen", sagte der Pluto-Nautilus, während der Frosch und das Huhn andächtig seinen vollmundigen Ausführungen zur "Theorie der natürlichen Sehnsucht und gelebten Notwendigkeit, rätselhafte Zeichen in Sandstrände zu setzen und deren daraus folgende Bedeutung für potentielle Kunstliebhaber" lauschten.

Tags darauf kam ich per Zufall an den Ort und sah die rätselhaften Zeichen im Sand. Der Frosch, das Huhn und der Pluto-Nautilus waren schon weg. Ich begann die mysteriösen Zeichen aufzuzeichnen, muß aber zugeben, daß ich aus ihnen nicht so richtig schlau werde.

Vielleicht sollte ich für mein besseres Verstehen auch einen Pluto-Nautilus zu Rate ziehen, bevor die nächste Flut unwiederbringlich alle Beweisstücke dieser seltsamen Begegnung auslöschen wird?

STALLWERCK
im Dezember 2017




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    Acquaforte auf Fabriano Rosaspina
    10 x 17 cm
    2018

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    Acquaforte auf Fabriano Rosaspina
    10 x 17 cm
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    Acquaforte auf Fabriano Rosaspina
    10 x 17 cm
    2018

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    Acquaforte auf Fabriano Rosaspina
    10 x 17 cm
    2018

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    Acquaforte auf Fabriano Rosaspina
    10 x 17 cm
    2018

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    Acquaforte auf Fabriano Rosaspina
    10 x 17 cm
    2018

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    Acquaforte auf Fabriano Rosaspina
    10 x 17 cm
    2018

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    Acquaforte auf Fabriano Rosaspina
    10 x 17 cm
    2018

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    Acquaforte auf Fabriano Rosaspina
    10 x 17 cm
    2018

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Grafikedition 2017
"Frutti di Mare"


"Frutti di Mare"
Drei Radierungen im Großformat
gezeichnet und gedruckt von Walter Melcher
STALLWERCK™ Grafik Edition 2017
Wolfsberg / Austria

Gibt es überhaupt intelligentes Leben im Universum?
Ich habe mich zeichnerisch der Frage angenähert und bin zu diesen drei Radierungen vorgedrungen.
Tief in unseren Meeren gibt es Lebewesen, die so bizzar aussehen, dass man sie für außererirdisches Leben halten könnte. Studiert man ihr jahrmillionenaltes Verhalten, kommt man zum Schluß, daß diese Lebewesen durchaus intelligent sind.
Könnte es sein, dass die Suche nach intelligentem Leben im Universum lediglich aus einer Sehnsucht heraus passiert, selbst ein Teil dessen zu sein, wonach so intensiv gesucht werden soll?

Die Druckplatten haben ein Format von 90 x 70 cm und wurden auf Hahnenmühle  Kupferdruckbütten auf Ganzbogen  ( 108 x 78 cm ) in limitierter Auflage gedruckt.

STALLWERCK am 20. Mai 2017


Grafikedition 2016
"A Tribute to CERN"


A TRIBUTE TO CERN
9 Radierungen in Lederkassette
gezeichnet und gedruckt von Walter Melcher
Überblick Grafik Edition 2016
Wollerau / Schweiz


Als wir Kinder waren, spuckten wir manchmal Kirschkerne im weiten Bogen durch die Gegend. Es war unterhaltsam und es machte Spaß, bei einem Wettbewerb den eigenen Kirschkern so weit zu spucken, dass die anderen Teilnehmer ihr Nachsehen damit hatten. Heute arbeitet der eine oder andere der ehemaligen Wettkämpfer am CERN-Institut in Genf wo er weitaus kleinere Kerne in unterirdischen Röhren bis nahe an die Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Die heutigen Wissenschaftler am CERN haben mit ihren Vorgängern aus der Renaissance kaum mehr etwas gemeinsam. (Abgesehen davon, dass sie noch immer verständnislose Blicke ernten, sobald sie über ihre Arbeit zu sprechen beginnen.) Die Entwicklung, wonach sich jeder Forscher auf ganz spezielle Fachbereiche zu spezialisieren begann, hat diese zuletzt dazu gebracht, in weltweit vernetzten Forscherteams zusammen zu arbeiten. Keiner kann sich heute noch ineffiziente Forschung in einer stillen, mit Kerzen beleuchteten Dachkammer leisten. Wissenschaftler arbeiten heute in internationalen Forschungs- und Informationsnetzen zusammen. In Ihrer akribischen Suche nach den kleinsten Details kosmischer Elemente müssen sie glücklicherweise nicht mehr gegen die Willkür der damaligen Fürsten und Herrscher ankämpfen. Heute kämpfen sie eher gegen die Auswüchse der Bürokratie an.
Forscher am CERN haben eine spezielle Aura. Sie erinnern in vielem an Doktor Fausts unbedingtes Bestreben, zu erkennen,

"was die Welt /
im Innersten zusammen hält, …
"
(Johann Wolfgang von Goethe: " Faust, Teil eins, Scene1:Nacht")

In gewisser Weise erinnern mich moderne Physiker an Hohepriester im alten Ägypten: Sie tragen geheimnisvolles Wissen über die Entstehung der Welt zusammen - sorgfältig in undurchdringliche mathematische Formeln verpackt - nur für einen exklusiven Kreis Eingeweihter zugänglich. Früher oder später werden sie ihren Blick auf die kosmischen Strukturen werfen und in der Lage sein, den göttlichen Plan am Anbeginn der Zeit zu verstehen und es sieht ganz danach aus, dass zumindest für sie der alte faustischen Traum Tag für Tag näher rückt.
Ich möchte diese Druckauflage allen Wissenschaftlern am CERN-Institut widmen und ihnen alles Gute für ihre weitere Forschung wünschen. Ungeachtet dessen, dass die Kunst und die Wissenschaft inzwischen verschiedene Wege gehen, inspirieren die Ergebnisse der CERN-Forschung weltweit Künstler in ihrer Arbeit. Hätte mich die Natur mit besseren mathematischen Talenten ausgestattet, wäre ich wahrscheinlich auch Forscher geworden. Wie dem auch sei, der unerschütterliche Glaube daran, die richtige Wahl getroffen zu haben, ließ mich eben Maler werden.

Walter Melcher - October 23, 2016




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Ein Bild und
seine Geschichte

Ein Bild und seine Geschichte:

"Bildnis Katharina"

"Bildnis Katharina"
180 x 160 cm
Eitempera, Acryl, Öl auf Leinen
January 2017



Ich beobachte durch das Fenster im Malsaal das aufgeregte Durcheinander der Finken, Meisen, Buntspechte und Spatzen, die sich rund um das Vogelhaus um das Futter streiten. Ob sich hinter dieser Betriebsamkeit Muster erkennen ließen, die sich irgendwann wiederholen?
Ich kehre zurück zum großen Tisch und beginne mir die Ölfarben für mein heutiges Arbeitsziel zusammen zu stellen. Im Hintergrund höre ich ein mir vertrautes Musikthema beginnen: c-es-g-as-h - Pause.
Das Bildnis, an dem ich nun schon seit November mit längeren Unterbrechungen arbeite, nimmt immer mehr jene Gesichtszüge meiner Mutter an, die mir schon als Kind vertraut waren: Eine kaum bemerkbare Unsicherheit lag in ihren Augen, mit der sie die Umwelt ständig prüfte. Wie ein gehetztes Tier, das nur selten zur Ruhe kam.
Immer mehr Bilder ihrer Gesichtsszüge tauchen vor meinen Augen auf und vermischen sich gleichzeitig mit Bildern opulenter Gemächer: g-fis-f-e-es ...
Die Nachricht verbreitet sich rasch: Er, der große Bach, der Vater des Hofkomponisten Carl Phillip Emanuel Bach, sei nach Preußen gekommen. Johann Sebastian Bach besuchte an einem Abend im Mai 1747 die berühmte Residenz des preußischen Königs in Potsdam, die für sich programmatisch beansprucht, ein Ort 'ohne Sorgen' zu sein.
Wahrscheinlich war dies einer der seltenen sorglosen Momente König Friedrichs II, den sie schon zu Lebzeiten 'Der Große' nannten.
Ich vermische mit kräftigen Spachtelbewegungen ein in Leinöl angeriebenes Pigment mit Leichtspat und in Testbenzin gelöstes Bienenwachs. Langsam verwandelt sich die tropfende Farbsauce in gut vermalbare, buttrige Ölfarbe. Ich lege Erlenholzscheiter in den Ofen nach, und sehe, dass es draußen zu schneien beginnt. Stille legt sich über die Landschaft und ein anhebender Wind treibt in zufälligen Mustern wirbelnde Schneeflocken vor sich her. Der Wettkampf um die besten Kerne an den Futterstellen wird bis auf weiteres verschoben. Die Vögel suchen in den Sträuchern und Bäumen Schutz vor dem Wetter und verharren dort regungslos mit aufgeplustertem Gefieder.
Das musikalische Thema im Hintergund wiederholt sich und wechselt von der Tonika in die Dominante.

Das Hinzufügen des Wortpaares 'der Große' in den offiziellen Geschichtsbüchern bleibt wenigen Personen vorbehalten. Meistens haben diese "Großen" verheerende Kriege entfesselt, indem Sie ihre nicht zu Ende gedachten territorialen Visionen rücksichtslos umsetzten. Bachs Musik hat die Welt ohne bellizistische Großtaten erobert. Deshalb heißt es auch: Der "große Bach" — und nicht: Bach "der Große".

Meine Mutter Katharina wurde 1929 in Klagenfurt geboren und wuchs in einem Kirchturmzimmer auf.1929 kollabierte - kurz nach dem sie auf die Welt gekommen war - die Weltwirtschaft. Zuvor hatte ein aus der Zeit gefallener Monarch seinen Vielvölkerstaat stur in den unausweichlichen Untergang regiert. An das darauf folgende "Experiment Demokratie" als möglichen Gesellschaftsvertrag knüpften die Initiatoren vor allem die zitternde Hoffnung auf beständigen Frieden. Der Schrecken und die lebendige Erinnerung an das unvorstellbare Desaster des ersten Weltkrieges saßen noch tief. Dass sich die Hoffnung auf dauernden Frieden nicht erfüllen würde, begann sich mit der aufkommenden Bewegung des deutschen Nationalsozialismus und deren konspirativen Sympatisanten in der noch jungen und labilen Republik Österreich abzuzeichnen. Wohin diese fatale Entwicklung führte, ist bekannt. Meiner Mutter und ihren Geschwistern flogen gegen Ende des implodierenden Terrorregiemes der Nazis buchstäblich die Bomben um die Ohren. Bis zum April 1945 flogen alliierte Bomberverbände 47 Angriffe auf Klagenfurt. Während der ersten Angriffswellen versteckten sich meine Mutter und ihre Geschwister im Turmzimmer unter Decken, um nicht im Lärm der krepierenden Fliegerbomben vor lauter Angst verrückt zu werden. Der Weg über die schier endlosen Treppen im Turminneren hinunter zum sicheren Luftschutzbunker war für sie vom ersten Alarm bis zum Eintreffen der Bomber zeitlich gar nicht zu bewältigen.

Ich unterbreche die Arbeit und hole mir einen Bildband aus dem Bücherregal. Ich schlage nach und schaue mir noch einmal das Gemälde 'Guernica' an. Im April 1937, während des spanischen Bürgerkrieges, flog die deutsche Legion Condor den ersten verheerenden Bombenangriff der Militärgeschichte auf ein ziviles Ziel. Die Stadt Guernica im Baskenland. Dabei kamen mehrere hunderte Menschen ums Leben und die Stadt wurde weitgehend in Schutt und Asche gelegt. Ich betrachte die Darstellung des Terroraktes: Chaos, Angst, zerstückelte Menschen ...
April 37 — April 45. Nach acht Jahren kam der Terror wie ein Bumerang zu seinem Meister zurück und traf nicht nur diejenigen, die noch immer unbeirrt von ihrer "tausendjährigen" Utopie phantasierten.
"Eine seltsame Schleife", denke ich mir."Wie sich die Muster wiederholen ... Dennoch: Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen."

An jenem Abend des Jahres 1747 spielte Friedrich II, der Große, ein Thema auf seiner Flöte vor und forderte den großen Meister aus Sachsen auf, die königliche Sammlung seiner neu erworbenen Klaviere auszuprobieren und über dieses Thema eine Fuge ad hoc an einem seiner Fortepiani zu improvisieren. Bach entsprach dem königlichen Wunsch und spielte, wie ihm geheißen, eine Fuge zu drei Stimmen ad hoc über das "Thema regium" vor. Der König war begeistert und verlangte von Bach gleich darauf doch noch eine Fuge zu sechs Stimmen 'al improviso' vor zu spielen. Bach lehnte ab, gab dem König aber Bescheid, er werde sich dazu etwas überlegen und ihm dann zukommen lassen.

Das Unglück kam schleichend aus dem Hinterhalt. Anfangs fiel kaum jemanden etwas auf, doch von Jahr zu Jahr ließ der Gehörsinn meiner Mutter kontinuierlich nach. Langsam, fast so, als ob sich die fortschreitende Verschlechterung viel Zeit lassen konnte, da es ohnehin kein Entrinnen gab. Die Ärzte konnten sich die Ursache für dieses Phänomen "nicht erklären".
Als meine Mutter beinahe taub war, las sie von meinen Lippen ab. Diese Technik war ihr einzig verbliebenes Fenster in die Welt der Töne. Einmal fragte ich Sie, was sie sich denn zu ihrem nächsten Geburtstag wünsche, und sie antwortete mir tiefgründig: "Ein paar neue Ohren, damit ich die Welt wieder verstehen kann."

Zurück in Leipzig arbeitete Johann Sebastian Bach das königliche Thema in je einer Fuge für drei und sechs Stimmen aus und fügte eine Anzahl von Kanons sowie eine Triosonate für Flöte, Violine und Generalbass hinzu, in denen das "königliche Thema" ebenfalls erscheint. Am 7. Juli schloss er das Werk ab und widmete es unter dem Namen "Musicalisches Opfer" dem preußischen König.
In einem Begleitbrief an den König fügte Bach zum Schluß noch eine Bitte hinzu:

"Ich erkühne mich dieses unterthänigste Bitten hinzuzufügen: Ew. Majestät geruhen gegenwärtige wenige Arbeit mit einer gnedigen Aufnahme zu würdigen, und Deroselben allerhöchste Königliche Gnade noch fernerweit zu gönnen.
Ew. Majestät allerunterthänigst gehorsamsten Knechte dem Verfasser.

Leipzig, den 7. Julii 1747 "


Es ist nicht bekannt, ob Johann Sebastian Bach mit seiner Bitte bei Friedrich dem Großen auf Gehör stieß. Die klangliche Erfahrung des musikalischen Opfers blieb dem Gehör meiner Mutter jedenfalls verschlossen, denn ihren Geburtstag mit neuen Ohren erlebte sie nicht mehr.

Ich trete ein paar Schritte zurück und betrachte das fertige Bildnis. Es ist mein "gemaltes Opfer" - einer großen Katharina geschuldet, die unvorstellbar an den Folgen jener horrenden Nächte zu leiden hatte, als die Fliegerbomben ihr weiteres Leben so entscheidend verändern sollten.
Draußen ist es finster geworden und der Wind bläst mit unverminderter Stärke durch das Schneegestöber. Ich lege die Pinsel auf die Palette zurück. Danach lege ich noch weitere Holzscheiter in den Ofen, unterbreche das musikalische Opfer und schalte das Licht aus. Morgen werde ich das Werkzeug mit Terpentinöl reinigen und einen passenden Platz für das Bild suchen.

Stallwerck, den 26. Januar 2017


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